Franckstraße 31/Herdergasse 3

Mabel Haynes-Leick

Mabel Haynes-Leick wurde 1874 in Boston geboren und war die Großmutter von Gwendolyn Leick und Andrea Seabury Loseries. Sie wuchs wohlbehütet als eines von sechs Kindern auf und studierte Medizin am Johns Hopkins Medical College in Baltimore, wo sie 1902 promovierte. Gertrude Stein und Mabel Haynes waren Studienkolleginnen und im College wurde der Grundstein für eine intensive Freundschaft der beiden gelegt.

Gertrud Stein beschäftigt sich in ihren Romanen immer wieder mit dem Thema Freundschaft und Beziehung. Die mit Mabel Haynes und May Bookstaver ist Thema ihres Roman Q.E.D., den Stein 1903 schrieb und der erst 1950 nach ihrem Tod veröffentlicht wurde.

Nach ihrer Graduierung arbeitete Mabel Haynes mehrere Jahre als Ärztin in Baltimore. Um ihre Fachkenntnisse auf dem Gebiet der Dermatologie zu vertiefen, kam sie 1905 nach Wien, wo sie Vorlesungen an der Universität besuchte. Sie lernte dort den  k & k Offizier Konrad Heissig  kennen und sie heirateten 1907. Mit ihm lebte sie in Przemysl , einen wichtigen Armeestützpunkt in Galizien. Mabel war eine begeisterte Autofahrerin und ließ sich ihr Auto von Boston nach Europa kommen, um ausgiebige Ausfahrten in die Umgebung machen zu können. Das war in dieser Zeit für eine Frau sehr ungewöhnlich und durchaus mutig. Es gab nur wenige Tankstellen oder Werkstätten im Europa der Vorkriegsjahre und so war es auch für Mabel durchaus selbstverständlich unter das Auto zu schauen, wenn es eine Panne gab. Mabel Haynes erzählte, dass sie mehr Zeit unter als in dem Auto verbrachte.

Mit Konrad Heissig hatte Mabel zwei Kinder. Itha wurde 1908 geboren und Oswald 1909. Nach dem Tod von Konrad Heissig heiratete Mabel den um acht Jahre jüngeren Rudolf Franz Leick. Auch er war k & k Offizier wie ihr erster Mann.  Mit ihm hatte sie drei Kinder. Der jüngste Sohn, Reginald, ist der Vater von Gwendolyn Leick und Andrea Loseries. Die Familie verbrachte einige Jahre in Brixen. Als jedoch Italien Österreich-Ungarn den Krieg erklärte, zog die Familie nach Graz.

In Graz kaufte Mabel, die über ausreichend Geld verfügte, eine Villa in der Herdergasse 3, in der sie mit ihren Kindern und Hauspersonal lebte. Als jedoch Amerika Österreich-Ungarn den Krieg erklärte, hatte Mabel keinen Zugriff mehr auf ihr Geld aus den USA und die ganze Familie litt darunter; ihr Sohn Oswald starb 1919. Da Rudolf Leick im ersten Weltkrieg verwundet wurde - er erlitt eine Kopfverletzung, die ihm bis zu seinem Tod Probleme machte - konnte er nichts mehr zum Familieneinkommen beitragen. 1927 wurde die Ehe mit Rudolf Franz Leick nach einigen Zerwürfnissen - auch bezüglich der Ausbildung ihrer Kinder - geschieden. Mabel musste ihm Unterhalt zahlen und ihm eine Wohnung zur Verfügung stellen.

Gwendolyn Leick

Gwendolyn Leick wurde am 25. Februar 1951 in Oberaichwald (Kärnten) geboren. Ihr Vater, Reginald, war Arzt und ihre Mutter, Herta, war Sozialarbeiterin. Sie wuchs in Weisskirchen bei Judenburg auf, wo Reginald Leick eine Praxis eröffnete. Nach seinem tödlichen Unfall 1960 übersiedelte die Mutter nach Graz und mietete eine Wohnung in der Franckstraße 31, in der Gwendolyn bis 1970 wohnte.

Nach der Matura studierte sie Altorientalistik an der Karl Franzens Universität Graz und promovierte mit einer Dissertation über babylonische Flüche. 1975 ging sie nach Großbritannien, studierte an der School of Oriental and African Studies und übersetzte spätbabylonische lexikalische Listentexte im British Museum. Sie lebt seit damals in London, unterbrochen durch längere Aufenthalte in Hampshire und Wales. Gwendolyn Leick unterrichtete unter anderem am Chelsea College of Art and Design in London.

Sie hat zahlreiche enzyklopädische Wörterbücher zum historischen Nahen Osten verfasst. Die Form des Wörterbuchs ist für Gwendolyn Leick eine „benutzerfreundliche und geradlinige Art“, um auf Wissen zuzugreifen. 2019 veröffentlichte sie ein Buch über ihre Großmutter Mabel Haynes-Leick und deren Freundinnen Gertrude Stein und May Bookstaver – auch dieses Buch ist im Stil eines Wörterbuchs verfasst und porträtiert die drei Frauen und ihre Freundschaft.

 

  Foto: Manfred Landl 1968

Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit begann Gwendolyn Leick mit 52 Jahren mit dem Gewichtheben und ist mittlerweile dreifache Weltmeisterin, fünffache Europameisterin und zigfache britische Meisterin in dieser Disziplin.

Die Filmemacherin Ruth Kaaserer zeichnet in ihrem Dokumentarfilm „Gwendolyn“, der 2018  erschien, das Porträt dieser außergewöhnlichen Frau. Gwendolyn gilt vor allem auch als Meisterin der Haltung, der Contenance. Auch eine schwere Krebserkrankung, mehrere Operationen und eine halbseitige Gesichtslähmung hindern sie nicht am Training. Im Gegenteil, sie beschreitet den Weg des „stoischen Indianers“ oder des „spartanischen Kriegers“ wie sie es selbst bezeichnet. Der Film wurde 2017 bei der Viennale uraufgeführt und 2018 bei der Diagonale in Graz gezeigt.

Lit./Quellen: Dank an Gwendolyn Leik für die Fotos
https://www.derstandard.at/story/2000066764216/gwendolyn-intellekt-und-athletik
https://www.gwendolynleick.co.uk

 

Mabel blieb auch während des zweiten Weltkriegs in Graz, denn sie wollte nicht von ihren Kindern getrennt sein. Jedoch war ihre finanzielle Situation sehr angespannt, da sie auch während des zweiten Weltkriegs keinen Zugang zu ihrem amerikanischen Vermögen hatte. Deshalb war sie gezwungen, ihr Haus zu verkaufen und bei ihrer Tochter Enid und Freunden zu wohnen.

Sie überlebte die Nazi Herrschaft. Ihre älteste Tochter Itha behauptete, dass Mabel Haynes durchaus Sympathien für die Nazis hatte, was ihre anderen Kinder aber nicht bestätigten. Nach dem Krieg flog sie zurück nach Boston und lebte in einer Mietwohnung. Nachdem sie vergeblich versucht hatte, ihre Kinder Gabrielle und Reginald in die Vereinigten Staaten zu bringen, und sie herzleidend und einsam nicht in Boston leben konnte, kehrte sie 1949 nach Österreich zurück, wo sie bei ihrer Tochter Enid in Graz und zwischendurch mit Reginald in Kärnten lebte, bis sie 1953 zu ihren in London verheirateten Tochter Gabrielle zog, wo sie am 22. August 1955 verstarb. 

Literatur/Quellen:
Dank an Gwendolyn Leik für die Fotos
Gwendolyn Leick,  Gertrud, Mabel, May. An ABC of Gertrud Stein´s Love Triangle,  London 2019.
Gertrud Stein, Q.E.D. , Frankfurt/ Main 1990.

Andrea Seabury Loseries

Danke an Andrea Seabury Loseries geb. Leick für folgenden Text und das Foto:

Kam im Alter von acht Jahren nach Graz, wo sie von 1960 – 2010 im ersten Stock der Franckstrasse 31 ihren Hauptwohnsitz hatte. Nach Abschluss des Realgymnasiums (Ursulinen und Seebachergasse) studierte sie in Paris (1970-1973), in Santiniketan, Westbengal (1974-1976), und in Wien (1977 – 1983) mit einem Doktoratsabschluss in Tibetologie und Buddhismuskunde, mit Schwerpunkt Ethnologie.

Ihre Forschungen in vergleichender Kulturgeschichte fuehrte sie auf zahlreiche Feldstudien nach Indien, Tibet, in die Mongolei und nach Japan.  Zu diesem Thema verfasste sie zahlreiche Monographien und ueber hundert Fachbeitraege insbesondere ethnologische Schriften zu Tibet, tibetischem Buddhismus und buddhistischer Kunst.

Ihre Lehrtaetigkeiten begannen an der Universitaet Graz, gleichzeitig war sie von Anbeginn, insgesamt zwoelf Jahre fuer den buddhistischen Religionsunterricht in der Steiermark zustaendig, gipfelten jedoch in ihrer Berufung nach Santiniketan, wo sie sechs Jahre lang als Professor und Institutsvorstand die Indo-Tibetische Fakultaet, sowie das Centre for Buddhist Studies geleitet hat. Zur Zeit ist sie als Gastprofessorin an indischen Universaeten in Kolkata, Varanasi und Nalanda gelegentlich engagiert.  

Mit der Rueckkehr nach Oesterreich im Jahre 1977 begann auch ihr Engagement fuer die Verbreitung des tibetischen Buddhismus im Lande, vorerst in Wien und ab 1983 auch in Graz, wobei die grosse Wohnung in der Franckstrasse die Moeglichkeit fuer Versammlungen und Seminare bot. Viele tibetische Lehrmeister fanden dort ein offenes Forum, wobei Andrea Loseries nicht nur als Gastgeberin sondern auch als Organisatorin und Uebersetzerin taetig war. 

Neben diesen Aktivitaeten organisierte und leitete sie unter dem Titel Andrea Tours Kulturreisen nach Indien, Nepal, Bhutan, Tibet und in die Mongolei. In ihrer Heimatstadt Graz initiierte sie die ersten und folgenden Besuche S.H. des Dalai Lama in Graz, die in Kalachakra Graz 2002 gipfelten. Fuer letzteres war sie fuer das begleitenden Kulturrahmenprogramm federfuehrend, mit drei Ausstellungen und zwei Wissenschaftskongressen, Als Pinionierin  fuer die Verbreitung des tibetischen Buddhismus in Oesterreich war sie bis zu ihrer Berufung an die indische Universitaet im interreligioesen Arbeitskreis der Stadt Graz engagiert.

Im Rahmen ihrer hauptamtlichen Tätigkeit im Naturschutzbund Steiermark (1999-2002) erstellte Dr. Andrea Loseries-Leick eine kulturgeschichtliche Dokumentation der Sölktäler - im Vergleich zum Bauern- und Hirtenleben in Tibet und dem Himalaya - durch Befragung von 90 Bergbauern-Familien. Die Ergebnisse fanden in einem Video über die Almwirtschaft und in zwei Büchern über die "Sölkspuren" ihren Niederschlag.